Kindheitstage – Mit Pfeil und Bogen

Die Sache mit der Ming-Vase war natürlich ein Unfall. Zu meinem fünften Geburtstag hatte ich Pfeil und Bogen bekommen und beim Ausprobieren schoss ich unglücklicherweise die Vase ab. Natürlich hätte ich im Salon nicht spielen dürfen. Dennoch: Wozu stellt man Wertgegenstände auf den Kaminsims? Hätte die kostbare Vase nicht besser in einer Vitrine Platz gefunden?
Genaugenommen fiel sie ja auch nicht dem Pfeil zum Opfer. Dieser war, wie hätte es anders sein sollen, nicht mit einer Spitze, sondern mit einem Saugnapf versehen; Fünfjährige bekommen selten Mordinstrumente in die Hand. Der Pfeil saugte sich an der Vase fest und blieb haften (ein hervorragender Schuss, falls ich in diese Richtung gezielt hätte) – und ich hatte doch nur drei davon.
Der Kaminsims war ziemlich hoch. Ich konnte meinen Pfeil nicht erreichen. Also schleppte ich einen Stuhl herbei und kletterte hinauf. Nun ging es. Ich zog; die Vase hielt den Pfeil fest und wollte ihn nicht hergeben; das war dumm von ihr, denn ich war stärker und sie rutschte über die Kante. Für einen Augenblick war es noch eine Vase, die fliegen konnte; im nächsten Moment war sie verschwunden und die Marmorfliesen vor dem Kamin zierte ein buntes Mosaik. Die Verwandlung ging fast lautlos vonstatten – ein zartes, melodisches Klirren, mehr nicht.
Ich starrte ratlos auf das Wunder, dann auf den Zauberpfeil in meiner Hand. Ob man damit wohl auch ein Mosaik in eine Vase verwandeln konnte? Zwar war das Mosaik viel hübscher, aber etwas sagte mir, dass die Großen das nicht so sehen würden.
Gerade als ich von meinem Hochstand herunterkletterte, um mein Werk aus der Nähe zu betrachten, kam Jamie ins Zimmer.
„Hier steckst du also!“, rief er. „Nanny sucht dich schon im ganzen Haus. Geh lieber rasch hinauf, bevor sie ... – Oh, nein! Was hast du angestellt?“
„Gar nichts. Sie ist runtergefallen. Ich kann nichts dafür.“
Mein elfjähriger Bruder fand an der adaptiven Logik dieser Aussage nichts auszusetzen. Dinge fielen eben herunter. Er nickte, kniete sich hin und nahm zwei der größeren Scherben in die Hand.
„Wir müssen sie kleben, bevor jemand was merkt“, sagte er.
„Glaubst du, das geht?“, fragte ich zweifelnd.
„Sicher geht das, wir müssen nur alle Teile einsammeln. Wie beim Puzzeln. Komm, hilf mir.“
Nach ein paar Minuten musste er allerdings zugeben, dass es doch nicht gehen würde: Die Scherben waren viel zu klein und wir konnten nicht herausfinden, wie sie zusammenpassten
„Was wolltest du denn überhaupt damit?“
„Gar nichts. Ich wollte bloß meinen Pfeil wiederhaben.“
„Wieso, war der reingefallen?“
„Nein, angepickt. Ich hab dran gezogen und da fiel sie runter, einfach so. Dabei sah sie so schwer aus.“
„Oh. Na ja. Wenn niemand merkt, dass wir hier waren, denken sie vielleicht, sie ist von allein heruntergefallen“, meinte er optimistisch.
Er stellte den Stuhl an seinen Platz zurück und nahm mich bei der Hand. In diesem Augenblick ging die Tür auf. Es war Nanny.
Ihre geübten Augen erfassten die Situation mit einem Blick: Zwei erschrockene Jungen, eine abgängige Vase, Scherben vor dem Kamin – ein Kapitalverbrechen war begangen worden.
„Wer von euch beiden war das?“, fragte sie drohend.
Ich senkte schuldbewusst den Blick.
Da sagte Jamie zu meiner Überraschung: „Ich, Ma’am.“ Dabei drückte er meine Hand.
„Du?“, fragte Nanny mit hochgezogenen Brauen.
„Ja, Ma’am. Ich – ich wollte David doch bloß zeigen, wie man mit Pfeil und Bogen schießt.“
Ich hatte gar nicht gewusst, dass mein artiger großer Bruder so geschickt lügen konnte.
„Ach“, sagte Nanny. Es klang, als würde sie ihm nicht glauben.
Das war nicht weiter erstaunlich. Wenn in diesem Haus etwas umkippte, herunterfiel oder sonst Schaden nahm, gab es einen festen Kreis von Tatverdächtigen: Klein-David, die Siamkatze und das Dienstmädchen – in dieser Reihenfolge. Wären Jamie und ich nicht im Salon erwischt worden, hätte die Katze sicher widerspruchslos die Schuld auf sich genommen; sie war fast so viel wert wie die zerbrochene Vase (was sie auch wusste) und wäre mit einer milden Rüge davongekommen. Ohnehin war sie mir noch einen Gefallen schuldig: Ich hatte sie erst am Tag zuvor aus der Küche kommen sehen, den Schwanz arrogant in die Höhe gereckt, die rosa Zunge eifrig damit beschäftigt, ihre schmale, hochmütige Schnauze zu säubern. Sie ließ sich sogar dazu herab, mir verschwörerisch zuzublinzeln. „Keine Sorge, Duchesse“, versicherte ich ihr, „ich petze nicht.“ Sie reckte Kopf und Schwanz noch etwas höher, so als wolle sie sagen: Das würde ich dir auch raten, du kleiner Nichtsnutz, und stolzierte von dannen. Aber wenn man sie ausnahmsweise einmal hätte brauchen können, war ihre Gnaden natürlich nirgendwo in der Nähe. Mir blieb also nichts anderes übrig, als mich vertrauensvoll auf meinen Bruder zu verlassen.
Nanny schickte ihn ohne weiteren Kommentar auf sein Zimmer, um seine Hausaufgaben zu machen, und beorderte mich ins Kinderzimmer zurück. Es kam mir merkwürdig vor, dass sie kein Wort über das Missgeschick verlor. Zwei Stunden später jedoch, als mein Vater nach Hause kam, hatte ich den Vorfall längst wieder vergessen. Umso überraschter war ich, in sein Arbeitszimmer gerufen zu werden.
Jamie war schon dort. Auf dem Schreibtisch, sorgfältig auf Papier ausgebreitet, lag das von mir produzierte Ming-Puzzle.
Mein Vater sah uns beide streng an und sagte: „So, jetzt will ich von euch hören, was vorgefallen ist – und keine Ausflüchte, bitte.“
Ich machte gerade den Mund auf, um die Untat zu gestehen, doch Jamie kam mir zuvor.
„Ich war’s, Sir“, log er tapfer. „Ich habe die Vase kaputtgemacht.“
Ich hielt erschrocken den Atem an. Das war Blasphemie! Nanny anzulügen war eine Sache, doch Papa war fast wie Gott, und wenn man Gott anlog, kam man in die Hölle, das wusste doch jedes Kind.
„Wie ist das passiert?“, fragte mein Vater.
Nun war es aber höchste Zeit, etwas zu unternehmen, ehe mein Bruder sich noch tiefer in Lügen verstrickte. Ich wollte nicht, dass er in die Hölle kam.
„So war es nicht, Papa“, sprudelte ich heraus. (Ich sagte „Papa“ mit der Betonung auf dem zweiten A – Nanny hatte diesen Vornehmheitstick.) „Jamie wollte mir bloß helfen, sie wieder heil zu machen, aber wir konnten die Teile nicht zusammenbekommen. Aber man kann sie wieder heil machen, ganz bestimmt!“
„Was hattet ihr überhaupt im Salon zu suchen?“
„Nichts“, sagte ich kleinlaut. „Ich hab mich vor Nanny versteckt. Sie wollte mir nicht erlauben, meinen neuen Bogen auszuprobieren.“
„So! Hatte ich dir nicht gesagt, dass du damit warten musst, bis wir in zwei Wochen nach Long Beach fahren?“
Ich nickte und ließ den Kopf hängen.
„Und du, James – was fällt dir ein, mich anzulügen!“
„Es tut mir leid, Sir“, sagte Jamie leise.
„Das sollte es auch. Komm her!“
Zögernd trat Jamie näher. Mein Vater schob seinen Stuhl vom Schreibtisch weg, zog Jamie über seine Knie und versetzte ihm ein paar kräftige Schläge auf den Hosenboden. Jamie fing an zu weinen.
„Heul nicht“, befahl mein Vater, während er ihn wieder aufrichtete. „So ein großer Junge – pfui, schäm dich!“
Pflichtschuldigst mühte sich Jamie, sein wohl mehr erschrockenes als schmerzerfülltes Schluchzen zu unterdrücken.
Papa griff hinter den Schreibtisch und holte Bogen und Pfeile hervor, die Nanny mir nach dem Zwischenfall abgenommen hatte.
„Sieh genau her, David“, sagte er. „Das passiert, wenn man ungehorsam ist.“
Mit diesen Worten begann er, mein neues Spielzeug über seinem Knie zu zerbrechen. Ein Pfeil – das war okay. Der Pfeil hatte die Vase kaputt gemacht, also wurde er selber kaputt gemacht. Das verstand ich. Doch dann zerbrach er noch einen. Ich schluckte. Jetzt war nur noch einer übrig. Als er auch den in die Hand nahm, rief ich: „Bitte nicht, Papa!“ Doch er knickte ihn wie ein Streichholz.
Der Bogen war etwas zäher; er plagte sich damit.
„Nein!“, schrie ich und stampfte mit dem Fuß auf. Der Bogen brach knackend entzwei.
„Was war das?“
„Du hast meinen Bogen kaputt gemacht! Du hast es absichtlich getan! Du bist gemein!“
Mein Vater stand wortlos auf und öffnete seinen Gürtel.
„Sir!“, rief Jamie. „David ist doch noch ein Baby!“
„Ich bin kein Baby!“, protestierte ich. „Ich bin schon fünf.“
„Komm her“, befahl mein Vater.
Ich gehorchte.
Er hob mich auf, legte mich über seinen Schoß und zog mir die Hosen herunter. Dann schlug er ein paar Mal mit dem Gürtel auf meinen nackten Po. Es tat weh, aber ich biss die Zähne zusammen. Ich war schon ein großer Junge. Papa hatte gesagt, dass große Jungen nicht heulten.
„Hör auf zu zappeln“, befahl er. „Wirst du jetzt brav sein?“
„Nein! Du hast meinen Bogen kaputt gemacht!“
Das machte ihn wütend. Er schlug kräftiger zu. Nun fing ich doch an zu weinen. Jamie schrie, er solle aufhören. Da schob er mich von sich, stand auf und schnappte sich Jamie. Ich hockte schluchzend auf dem Boden, während meinem großen Bruder dieselbe Behandlung zuteil wurde wie mir. Erst fand ich es tröstlich, dass auch er dabei weinte, doch als Papa nicht aufhörte, kriegte ich es mit der Angst. Ich rappelte mich hoch, lief zur Tür, riss sie auf und brüllte aus Leibeskräften: „Mama! Mama!“ Im nächsten Augenblick packte mich mein Vater am Genick und warf die Tür zu. Jamie war gerettet, aber ich war verloren.
Zu meinem Glück kam nach wenigen Minuten meine Mutter herein und stoppte ihn. Ich fand nie heraus, wie sie das machte; meistens hörte er nicht auf sie, aber manchmal brauchte sie ihn bloß anzusehen. Das war einer dieser Momente.
Sie nahm mich in die Arme, trug mich hinauf in mein Zimmer und legte mich ins Bett; dabei streichelte und küsste sie mich die ganze Zeit und sprach beruhigend auf mich ein. Sie behandelte meinen wunden Po mit Salbe und Eis und sang mir irische Lieder vor und erzählte mir alte Märchen von Feen und Elfen und Kobolden und dann bekam ich leckere Sachen zu essen. Mein Bruder war elf und ebenfalls zum ersten Mal so richtig verdroschen worden, aber um ihn kümmerte sich niemand; der ganze Haushalt – einschließlich der gestrengen Nanny – war damit beschäftigt, das Nesthäkchen zu trösten.
Es dauerte ein paar Tage, bis die Striemen soweit verheilt waren, dass ich wieder sitzen konnte, aber das machte nichts: Dafür wurde ich von hinten und vorne bedient und erfreute mich dazu noch der bewundernden Anerkennung meiner älteren Geschwister. Was konnte ich mir Besseres wünschen? Als Jüngster war ich an nachsichtige Duldung gewöhnt und daran, weggeschickt zu werden, weil ich störte. Stellte ich ein Frage, hieß es meistens: Das verstehst du nicht, dazu bist du noch zu klein. Hatte ich etwas Neues gelernt und war stolz darauf, pflegte meine Schwester zu sagen, sie könne es viel besser. Wenn ich einwandte, dass ich doch noch klein war, behauptete sie, sie hätte das schon viel früher gekonnt als ich. Dagegen ließ sich nichts sagen. Meine Erinnerung reichte nicht weit genug zurück. Woher sollte ich wissen, ob es stimmte, dass sie schon mit vier ihre Schuhbänder zu perfekten Schleifen binden konnte? Ich war ja damals noch ein Wickelkind gewesen. Wir stimmten darin überein, dass man Erwachsenen in solch heiklen Fragen nicht trauen konnte, und Jamie konnte sich nie an irgendwas erinnern. Da sie außerdem stärker war als ich, blieb mir meist nichts anderes übrig, als nachzugeben. Unsere kleinen Kämpfe wurden außerdem mit ungleichen Waffen geführt: Als Mädchen durfte sie zwicken und kratzen, was ich als Junge natürlich nicht durfte. Ich akzeptierte die Regeln, aber es wurmte mich trotzdem. Fünfjährige sind schlechte Verlierer.
Nun war ich plötzlich ihr gegenüber im Vorteil. Sie hatte große Angst davor, verhauen zu werden (was ohnehin fast nie vorkam) und gab zu, dass sie bestimmt ganz fürchterlich geweint hätte. Jamie erklärte, ich hätte mich gehalten wie ein Mann, und sie glaubte ihm. Ich war auf Wolke sieben und bereit, jede Schandtat zu begehen, um meinen Triumph zu wiederholen. Was war schon ein bisschen Schmerz im Vergleich zu so viel Anerkennung?



(erstmals publiziert Oktober 2005)

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