Du flogst zum Mond in einem Luftballon

Du warst auf dem Mond. Ganz begeistert bist du beim Zurückkommen. Der Ausblick im All – einfach traumhaft. Auf den Bildern, die du mir zeigst – oder ist es ein Film? – sehe ich dich eingerollt in Embryonalstellung in einer Art Glaskugel. Ein Ballon sei das, erklärst du mir. Die Umgebung ist blau. Dunkelblau, aber nicht so dunkel, wie ich mir das Weltall vorgestellt hatte. Eher leuchtend.
Gleich willst du noch mal los und ich soll mitkommen, sagst du.

Das stürzt mich in ein Dilemma. Ich finde es toll, dass du mich mitnehmen willst, aber – eine Reise ins All? Das macht mir Angst.
Da ist noch etwas. Bin ich nicht zu schwer? Der Ballon ist doch gar nicht für zwei gebaut.
Noch wage ich nicht, dir meine Bedenken mitzuteilen. Bestimmt wirst du mich für feige halten.

Es läutet an der Tür. Das wird der Mann sein, der die Mondreise organisiert. Ich folge dir nervös in den Flur und denke, dass ich ihn unbedingt gleich wegen meines Gewichts fragen muss. Peinlich, aber wohl unvermeidlich. Hoffentlich kann ich ihm die Frage so stellen, dass du es nicht hörst.
Doch als du öffnest, mustert mich der Mann, der draußen steht, mit sichtlichem Befremden, so als wolle er sagen: Was will die denn hier?
Auf einmal fühle ich mich überzählig. In deiner Begeisterung beachtest du mich gar nicht mehr. Ich schäme mich meiner Aufdringlichkeit und ziehe mich unauffällig zurück.

Später sitze ich mit dem Fremden, der jetzt kein Fremder mehr ist, sondern Bernhard oder Bernd heißt und wie ein besorgter Freund wirkt, im Wohnzimmer. Er versucht mir taktvoll zu erklären, warum ich nicht mitkommen könne. Ach, ich wusste es ja ohnehin gleich, dass ich zu schwer bin. Da braucht er nicht erst lang um den heißen Brei herumzureden.
Aber das ist es gar nicht. Zu dritt, meint er, sei es eben nicht möglich.
Wieso jetzt auf einmal zu dritt? Ich verstehe nicht.
Geduldig erklärt mir Bernd, dass deine Begleiterin schon seit Längerem feststehe. Sie habe auch schon für den Mondflug trainiert. Daisy heißt sie, sieht aber aus wie Minnimaus mit ihrem gläsernen Kugelhelm. Bernd sagt irgendwas von „außen andocken“ und ich begreife vage, dass er meint, ich könne vielleicht außerhalb des Ballons, in dem du mit Minnimaus oder eigentlich Daisy sitzen wirst, mitfliegen, mit einem eigenen Kugelhelm über dem Kopf.
Die Idee gefällt mir nicht. Nein, lieber bleibe ich zu Hause.

Als nächstes überlegt Bernd – offenbar um eine befriedigende Lösung bemüht – dass ich ja eventuell an Daisys Stelle mitfliegen könnte. Er erklärt mir das Training: Ich müsste zwei Wochen mit dir in einer winzigen Kugel verbringen, eng umschlungen, unbeweglich und in völliger Dunkelheit – eine Art Eignungstest. Und zwar unmittelbar vor dem Abflug. Letzteres scheint mir den Stress unnötig zu erhöhen; ich getraue mich aber nicht, zu fragen, warum man denn keine Pause dazwischen machen könne. Egal. Es hat ohnehin keinen Zweck: Niemals würden wir es zwei Wochen auf so engem Raum miteinander aushalten.

Ob aus deiner zweiten Mondfahrt dann noch was wurde und wer, wenn überhaupt jemand, mitgeflogen ist, weiß ich leider nicht – denn an dieser Stelle wachte ich auf.



(Oktober 2006)



Ergänzung 7.3.07:

MondflugMondflug von Dorothea Koch Dieses Bild (hier nur als Ausschnitt dargestellt) fand ich duch Zufall und es "illustriert" meinen Traum geradezu perfekt. Die Schöpferin des Kunstwerks, Dorothea Koch, gab mir freundlicherweise ihre Genehmigung, es hier zu verlinken. Ein Klick auf das Minibild führt zu einer größeren Darstellung auf ihrer Website, http://www.dorotheakoch.de/

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