Ein Engel mit B – die etwas andere Weihnachtsgeschichte

Fürchte dich nicht, denn ich verkünde dir große Freude, sagt meine kleine Schwester. Siehe, du bist nun nach langjähriger Beziehung erstmals zu Weihnachten alleine, doch ich will mich deiner erbarmen, denn dein Unglück dauert mich. Komm, ach komm in meine Arme und verbringe das Frohe Fest zusammen mit mir und den Eltern meines Freundes, welche sich schon innigst danach sehnen, dich endlich kennen zu lernen. Fünfzehn hoffnungsfrohe Kinderlein warten darauf, von dir beschenkt zu werden, ein Tannenbaum harret deiner mit bunten Lichtlein und Kugeln und Wunderkerzen, du darfst sogar beim Schmücken helfen und auch beim Kekse backen. Ach. Engel singen Jubellieder, es frohlocket meine Seele und preiset den Herrn in den höchsten Tönen, denn es ist ein Wunder geschehen. Auch mein 42. Weihnachten (ich zähle jetzt mal das mit, welches ich im Bauch meiner Mutter erlebte, immerhin war ich da schon ein ganz ansehnlicher Embryo) wird nicht einsam sein. Verdammte Scheiße, wie soll ich mich da rausreden, ohne die armen Leutchen tödlich zu beleidigen?

Versteht mich bitte nicht falsch: Ich mag meine Schwester. Ich mag sie wirklich sehr. Aaaaber. Ich meine – ich kenne ihre „Schwiegerleute“ gar nicht. Und ich hatte mich doch schon so darauf gefreut, endlich, endlich, endlich mal friedliche Weihnachtsfeiertage verbringen zu können, fern aller Verpflichtungen, einfach ruhig und entspannt, ohne Tannenbaum und Kerzen und all den Scheiß, Heiligabend einfach ignorieren, das wollte ich die ganzen letzten Jahre seit meine Eltern tot sind oder eigentlich sogar schon vorher, aber immer kam irgendwas dazwischen.

Zum Teufel noch mal, ICH HASSE WEIHNACHTEN!!! Ich hasse es schon seit meiner späten Kindheit, seit ich aufgehört habe an das Christkind zu glauben (die österreichische Variante des Weihnachtsmanns) und daran, dass zu Weihnachten alle friedlich sind. Ich hasse es, seit meine Eltern ausgerechnet am „Heiligen“ Abend immer streiten mussten und mein Vater meine Großmutter regelmäßig rausschmiss und allerspätestens seit meine Mutter zum ersten Mal besoffen umkippte, noch bevor der Weihnachtsbaum geschmückt war, und nur das geschwisterlich wohleinstudierte Blockflötenduett den tannenadelduftenden bienenwächsernen Abend vor einem besoffen gegrölten „Stille Nacht“ rettete, wenn schon nicht vor einem angebrannten Weihnachtsbraten; damals war ich fünfzehn.

Weiß Gott, was da bei meiner Schwester schief gelaufen ist, warum hasst sie Weihnachten nicht auch? Und was ist bei mir falsch gelaufen, dass ich einfach nicht Nein sagen kann? Immerhin bin ich eine erwachsene Frau. Ich stelle mich vor den Spiegel und sage zu meinem Spiegelbild: Nein. Es funktioniert ganz problemlos. Dann versuche ich dasselbe am Telefon – am anderen Ende der Leitung ist meine Schwester – und was dabei herauskommt ist: Na ja, ich weiß nicht so recht, verstehst du, ich ... Also ich wollte doch eigentlich ... Mist, warum ist es bloß so verdammt schwer, eine einzelne Silbe zu artikulieren?

Eines weiß ich bestimmt: Ich will und werde Weihnachten nicht mit den Schwiegereltern meiner Schwester „feiern“. Bloß, wie soll ich das anstellen? Ich brauche eine Ausrede. Sicher, notfalls kann ich immer noch krank werden, aber ich hätte gern eine „elegantere“ Lösung. Verreisen wäre eine. Aber wohin verreist man allein zu Weinachten? Was für eine blöde Idee. Vielleicht könnte ich ja so tun als würde ich verreisen. Aber ich bin eine hundselendiglich schlechte Lügnerin und meine Schwester kennt mich zu gut. Ich sehe mich schon am Heiligabend mit schlechtem Gewissen zu Hause hocken und so tun, als hätte ich Schüttelfrost und mindestens soviel Grad Fieber wie ich Jahre zähle, und am Morgen kommt Schwesterchen dann nachgucken und ich muss bestimmt mindestens ein halbes Stück Seife fressen oder Zahnpasta oder Kaffee mit Salz oder wie gingen noch all die dummen Geschichten, die wir damals in der Schule nicht wagten, auszuprobieren? Von einem in Tee getauchten Fieberthermometer lässt sich mein Schwesterchen, das neunmal so klug ist wie jeder Doktor, bestimmt nicht überzeugen.

Doch mit einem Mal tut sich der Himmel auf und eine Lösung fällt mir buchstäblich auf den Kopf. Jemand, der mich schon lange besuchen will, hat, wie sich zeigt, auch nichts übrig für Weihnachten, noch hat er Besseres vor. Schwupps, schon hab ich die perfekte Ausrede: Schwesterlein, nicht böse sein, ich lass wen andren bei mir ein. Besucher haben selten Lust, zu Verwandtenbesuchen mitgeschleppt zu werden. Selbst Schwestern kapieren das. Scheiß auf die Butterkekse – statt dessen endlich mal Butter bei die Fische (den Ausdruck hab ich freilich erst unlängst gelernt und meine Schwester würde ihn unter Garantie nicht verstehen, er ist ganz und gar unösterreichisch): Weihnachten. Findet. Heuer. Nicht. Statt. – Nicht bei mir jedenfalls.

Seufz.

Herrlich. Wie einfach das Leben doch manchmal sein kann. Ich glaube wieder an Engel. Auch wenn derjenige bestimmt keiner ist. Na ja, vielleicht einer mit einem B vorne dran. Ein Weihnachts(b)engel.




Dezember 2005


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