Nur ein Tropfen Salz

Sie lauert im Hintergrund auf einen jener unbewachten Augenblicke, da das Lachen schweigt.

Langsam gehe ich über die Brücke. Angekettet am gusseisernen Geländer parkt ein altes Fahrrad. Es parkt da jeden Tag. Im trockenen Teil des Flussbettes fährt ein Mann in seinem Rollstuhl. Ich erkenne ihn an der Rottweilerhündin, die ihm vorausläuft. Er plagt sich auf dem unebenen Gelände und ich frage mich flüchtig, wie er da wohl runter gekommen ist, nicht, dass es wichtig wäre. Die Fußgängerampel am Ende der Brücke steht wie immer auf Rot.

Auf dem Rückweg springt sie mich an. Noch ehe ich das alte Fahrrad erreiche. Alle Hände voll mit Einkaufstaschen und ich kann mich wie immer nicht wehren. Noch fünfhundert Meter, meine Füße finden den Weg.

Irgendwann wird sie aufhören. Im Grunde hat sie gar keine Bedeutung.

Nur ein Tropfen Salz auf meiner Haut.

schmollfisch - 24.02.2007 11:39

Das erinnert mich

an eine Stelle bei Solschenizyn, ich kann leider nur aus dem Gedächtnis zitieren: Das schwerste Leben haben nicht die, die Flüsse stauen, Berge abtragen oder in der Erde wühlen, sondern das schwerste Leben führt der, der sich jeden Tag beim Hinausgehen den Kopf am Türrahmen stößt, weil er zu niedrig ist.
Aus dem Text erschließt sich mir nicht, wer "sie" ist (die Hündin doch wohl nicht?), aber das scheint auch keine Bedeutung zu haben - ebenso wie die Frage, ob sie jemals aufhört und wann. Der Stachel sitzt auf immer fest.
virago - 24.02.2007 15:08

Hm, Solschenizyn...

... mir scheint, das passt.

"Sie" ist ein Gefühl. Es ist irgendwie Traurigkeit, aber nicht ganz bzw. mehr als das. Ich glaube, es ist sowas Ähnliches wie "Lítost" - ein Gefühl, das Milan Kundera sehr ausgiebig in seinem Roman "Das Buch vom Lachen und vom Vergessen" beschrieben hat. Kundera sagt, das Wort "Lítost" sei unübersetzbar und existiere in keiner anderen Sprache der Welt. Und natürlich finde ich das Buch nicht, es versteckt sich vor mir und zwar aus reiner Bosheit, weil es weiß, dass ich es jetzt unbedingt haben will, nachdem ich es zwanzig Jahre lang nicht angeschaut habe.

"Litost ist ein qualvoller Zustand, der durch den Anblick unserer unvermutet entdeckten Erbärmlichkeit ausgelöst wird." (Ich hoffe, der, der das zitiert hat, hat sorgfältig zitiert.)

Lítost hat noch eine Eigenschaft, weiß nicht genau, ob Kundera das klar war: Sie ist hochansteckend.

Auf einer englischsprachigen Site habe ich eine gute Zusammenfassung dessen gefunden, was Kundera über Lítost erklärt: Ein Junge geht mit seiner Freundin schwimmen. Sie schwimmt viel besser als er und schwimmt ihm davon. Dadurch fühlt er sich gedemütigt und in einem Anfall von Lítost gibt er ihr deshalb eine Ohrfeige. Er könnte sich allerdings auch indirekt rächen, indem er ertrinkt - und er erfreut sich an dem Gedanken, dass sie dann voller Gram über ihre Schuld an seinem Tod Selbstmord begehen wird.
(Siehe http://www.everything2.com/index.pl?node_id=981678 )

Umgelegt auf Solschenizyns Beispiel würde das wohl heißen: Jener Mensch stößt sich mit Absicht täglich den Kopf an, um damit gegen denjenigen zu protestieren, der den Türstock zu niedrig gebaut hat ;).

In hiesigem Fall handelt es sich sozusagen um sekundäre Lítost, d.h. um von einem der Lítost verfallenen Mitmenschen verursachte - ich sage ja, das Zeug ist irre ansteckend. Wobei... hm, vermutlich braucht es eine entsprechende Prädisposition dafür. Manche Menschen scheinen dagegen von Natur aus immun zu sein.

Dass sie irgendwann aufhören könnte, ist natürlich eine trügerische Hoffnung, da hast du vollkommen Recht.


Nachtrag: Jetzt hab ich etwas gemacht, was man eigentlich besser nicht tun sollte: Den Text erklärt. Na ja, mir ist klar, wenn er nicht für sich selber stehen kann, stimmt was nicht damit.
schmollfisch - 24.02.2007 23:17

Hm, Kundera ...

lese ich nicht (mehr), ich habe es versucht, er gefällt mir einfach nicht. Ist aber schon lange her. Vielleicht sollte ich es noch mal versuchen.

Was mich interessieren würde: Dein Beispiel (ich habe den Link gelesen) erinnert an den berühmten Witz von dem Jungen, der grummelt: "Geschieht meinem Vater ganz recht, dass mich an den Händen friert, warum kauft er mir keine Handschuhe!" Dazu braucht man nicht jung und unerfahren zu sein; ich denke, sein eigenes Leiden als Waffe gegen andere zu richten, und sei es nur für sich selbst (ohne dass der andere das Leiden überhaupt mitbekommt), ist sehr menschlich. Aber was ist nun eigentlich lítost - dass man so fühlt oder dass man merkt, wie unlogisch und kleinlich dieses Fühlen ist? Nach Kunderas Defintion doch wohl letzteres.

Ich sehe mich selbst neutral genug, um zu merken, dass ich oft so denke - und wenn mir dann die eigene Erbärmlichkeit, um bei diesem Wort zu bleiben, bewusst wird, dann finde ich es eigentlich nicht mehr richtig schlimm. Ich merke es ja und schüttele über mich selbst den Kopf. Tck, tck, tck, diese Ziege wird auch nie erwachsen.

Ich denke noch mal darüber nach, vielleicht schreibe ich was dazu in mein eigenes Blog. Das Thema interessiert mich. Ist lítost eine tschechische Spezialität, so wie saudade für die Portugiesen?

ps. Zum Text übrigens noch: Nach Deiner Erklärung habe ich ihn noch mal gelesen und glaube, dass die Passage mit den Einkaufstaschen auf eine falsche Fährte führt. Du erweckst hier den Eindruck, der Erzähler bzw. die Erzählerin könnte sich wehren, wenn er oder sie die Hände frei hätte - was natürlich an einen menschlichen oder tierischen Angreifer denken lässt.
virago - 25.02.2007 00:02

Lítost

Kann mich auch nicht mehr so gut an das Buch erinnern, es war das einzige, das ich von Kundera je las. Sein Stil liegt mir auch nicht besonders, aber an "Lítost" musste ich oft denken, als ich später tschechisch lernte (besser gesagt: Es zu lernen versuchte). Ich glaube, Kundera meint damit schon eher das Kindlich-Bockige. Slawische Schwermütigkeit auf tschechisch eben ;).

Tschechisch ist im Übrigen ebenso wie Neugriechisch eine Sprache, die im 19. Jahrhundert praktisch als Schriftsprache neu erfunden wurde. In Griechenland war es die Osmanenherrschaft; in Böhmen und Mähren war nach dem Dreißigjährigen Krieg die Oberschicht praktisch vernichtet und wurde durch eine deutschsprachige Oberschicht ersetzt, das tschechische Bürgertum sprach deutsch, tschechisch war die Sprache der Bauern. Meine Urgroßmutter war aus Mähren, sie stammte aus gutbürgerlicher Familie - und konnte kein Wort tschechisch. Ich glaube, Kafka konnte auch nicht tschechisch. Aber gut, da sind wir jetzt schon bei einem ganz anderen Thema...

(Was ist eigentlich "saudade"?)


Zurück zum Text - ich denke mal über deinen Einwand nach. Die Irreführung war zwar nicht unbeabsichtigt, aber du hast wohl Recht, es lenkt zu sehr vom Thema ab.
schmollfisch - 25.02.2007 00:35

saudade

wird meistens übersetzt mit Heimweh, aber man kann auch saudade haben, ohne von zu Hause weg zu sein. Vielleicht geht das aber wirklich nur in Portugal. Den Portugiesen wird ein ausgeprägtes Fernweh nachgesagt, weil sie so viel Küste haben und an dieser Küste auf weite, weite Ferne kein Gegenüber. Vielleicht kann man auch Heimweh empfinden, bloß weil man in die Ferne blickt und Fernweh empfindet.
Ich habe mal ein wenig gegoogelt mit dem Begriff - die meisten Autoren machen es sich bequem und sagen: hört Fado, dann wisst ihr, was saudade ist ...
Auf jeden Fall ist es ein ambivalentes Gefühl, ein Glück im Unglück.
virago - 25.02.2007 01:11

Ah.

Verstehe. Hab jetzt mal selber gegoogelt und bei Wikipedia nachgelesen.
Mag sein, dass lítost irgendwie verwandt ist mit saudade, aber dann ist sie wohl sozusagen die mürrische Cousine ;). Saudade klingt für mich mehr wie die italienische "nostalgia" - Sehnsucht. Sehnsucht nach irgendwas, nicht (wie unser Fremdwort "Nostalgie") nach der Vergangenheit. Es kann Fernweh oder Heimweh oder Sehnsucht nach der/dem Geliebten sein.

Die tschechische Variante ist wohl negativer. Bzw. wenn "positiv", dann mehr Richtung genussvollem Baden in Selbstmitleid.

Vielleicht liegt es am Meer. Im Tschechischen gibt es auch eine ganz komische Wendung, die sich ebenfalls nicht übersetzen lässt: "o moře", was sinngemäß so ungefähr heißt: "Warum haben wir bloß kein Meer? Das ist gemein, andere haben doch auch eins."
denschie - 28.02.2007 15:19

Als alter Kundera-Fan:

Das besondere an diesem Roman ist (methodisch), dass er eigentlich Romanelemente wie Hauptfiguren und Handlungsstränge ad absurdum führt. Es bleiben (inhaltlich) einige schöne Geschichten und Sätze wie Gedichte (meiner Meinung nach).
In einer Strory stirb eine Frau, die dann in der nächsten als andere Person wieder auftaucht und schließlich im "wahren" Leben des Autors (wieder eine andere Erzählebene) auch noch mal eine Rolle spielt. Sehr geschickt gemacht. Zig Seiten Stoff zum Nachdenken, aber auch zum "Lachen und Vergessen".

Ich finde, dass es nicht so schwermütig ist, wie z. B. "Der Scherz". Das ist auch "schön" geschrieben, aber ziemlich bissig-satirisch. Liegt wohl auch an der Zeit.

Aber welchen Kundera-Verächterinnen erzähle ich das eigentlich alles ... ;)

LG
virago - 28.02.2007 15:41

Vielleicht

sollte ich es einfach wieder mal lesen (falls es sich entschließen sollte, aus meinem Chaos wieder aufzutauchen). Ich fand es damals faszinierend, aber schwierig zu lesen. Andere Texte von Kundera kenne ich gar nicht. (Ehrlich gesagt bin ich überhaupt eine Literaturbanausin ;-).)
schmollfisch - 25.02.2007 14:16

Das ist klasse,

daran denke ich in zukunft immer, wenn ich Mails kriege, die mich zur P...verlängerung auffordern ...
Wie spricht man das aus?
virago - 25.02.2007 14:37

Grins!

Jetzt musste ich mal kurz nachdenken, was du damit wohl meinst ;-).
Meeresneid... lach.
Ich krieg die nicht mehr, seit mein Mailprovider einen guten Spamfilter hat. Vorher war das natürlich eine Plage, ich dachte mir jedes Mal: Warum bieten die mir immer nur Verlängerung an, ich hab doch noch gar kein Abo ?!?

Zur Aussprache: das "ř" wird wie ein ganz weiches stimmhaftes "sch" gleichzeitig mit "r" gesprochen. Geht nur mit Zungen-R und ist für deutsche Zungen sowieso sehr schwierig. (Tschechische "sch"-Laute sind übrigens viel weicher als portugiesische. Etwa so wie in "Giorgio".)
denschie - 28.02.2007 15:08

Eine Träne.

Ich dachte an eine Träne, Mel. Das lag mir irgendwie nahe, weil du von einem salzigen Tropfen geschrieben hast. Ich mochte während des Lesens das Gefühl, erst hinterher durch den Anfang darauf zu kommen, dass es sich um eine Träne handeln könnte.
virago - 28.02.2007 15:49

Ah ja, das passt.

War zwar nicht das, woran ich beim Schreiben unmittelbar dachte, aber die Träne passt als Symbol für dieses schwer beschreibbare Gefühl. Und "meine Füße finden den Weg" sollte tatsächlich eine Andeutung sein, dass die Ich-Erzählerin den Weg nur noch verschwommen sehen kann.

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