Ein unfertiger Text (geträumt)

Ich sitze in einem Seminarraum und schreibe einen Text. Es ist eine Klausurarbeit. Das Schreiben geht mir gut von der Hand und wie es scheint, auch allen anderen. Die Atmosphäre ist entspannt, wirkt gar nicht wie eine Prüfungssituation. Die Fenster sind gegen den grellen Sonnenschein leicht abgedunkelt. Wir sind vielleicht etwa dreißig Leute, der Raum hat die Größe und den Charakter einer Schulklasse und ich schreibe auch den Text wie einen Schulaufsatz.
Einer meiner Mitstudenten gibt seinen Text ab. Erste Unruhe entsteht. Der Dozent beruhigt: Wir hätten noch eine Viertelstunde, weil wir ja mit dem akademischen Viertel begonnen hätten.
Ich habe den Eindruck, noch jede Menge Zeit zu haben, und gehe kurz hinaus. Ich bin durstig. Vor dem Seminarraum stehen Tische mit Getränken, wie bei Tagungen üblich.
Außerdem stehen da einige Leute herum, die offenkundig warten. Ich sage ihnen, dass die Klausur nicht pünktlich, sondern cum tempore begonnen hätte und deshalb noch nicht zu Ende sei. Die Wartenenden wirken ungeduldig. Es war offenbar anders angekündigt.

Ein wenig entfernt in dem breiten Flur des Universitätsgebäudes, nahe der Treppe, steht Reinhard. Er hat mich zwar bemerkt, beachtet mich aber nicht weiter. Ich überlege flüchtig, ob ich die unfertige Arbeit abgeben soll, damit er nicht warten muss; aber das wäre ein Fehler, die Arbeit ist wichtig. Also sage ich auch ihm, dass es leider noch etwas dauern wird. Es scheint ihn aber gar nicht interessieren. Ich frage, ob er denn auf mich warten wird. Er schüttelt stumm den Kopf.
Auf einmal ist mir die Sache peinlich. Wie dumm von mir. Er ist ja gar nicht meinetwegen hier. Nun blickt er die Treppe hoch, so, als würde er damit rechnen, dass die, auf die er wartet, jeden Augenblick herunterkommen wird. Richtig, er wartet natürlich auf meine Mutter. Sie hat sich wohl ebenfalls verspätet. Dennoch wird sie früher da sein als ich, und ich weiß: Die beiden werden nicht auf mich warten.

Ich muss zurück in den Seminarraum. Der Fruchtsaft im Tetrapack ist zu dick, ich habe ihn mit Wasser verdünnt, aber er stillt noch immer nicht meinen Durst.
Nun wird mir klar, dass die Zeit zu knapp geworden ist. Mein Text ist noch nicht fertig, der Schluss fehlt. Doch mir fällt nichts mehr ein. Ich bin jetzt nervös. Um mich herum Unruhe. Alle anderen geben ihre Texte schon ab. Der Dozent drängt zwar nicht, aber ich weiß, dass ich nicht mehr weiterschreiben kann.
Ich muss ja auch noch die Seiten aus dem Schulheft heraustrennen. So dumm, warum habe ich den Text nicht in einen Kollegblock geschrieben, das ginge leichter. Die ersten Seiten schrieb ich noch auf lose Blätter. Warum ich dann zum Heft überging, ist mir unbegreiflich. Außerdem wusste ich gar nicht, dass der Text so lang geworden ist. Seite um Seite trenne ich heraus, so sorgfältig wie möglich, damit es ordentlich aussieht. Es wird ein dicker Packen.
Dabei denke ich die ganze Zeit verzweifelt: Aber er ist ja noch gar nicht fertig! Der Schluss fehlt!
Der Dozent wirft einen kurzen Blick darauf und meint: Aber warum denn, ist doch ohnehin alles da, was wollen Sie? Ich sage, dass Schlüsse immer schon meine Schwäche gewesen seien. Er beschwichtigt: Viele Autoren hätten den Eindruck, ihre Texte seien nicht fertig; ihm gehe es selbst immer wieder so. Ich sei ja außerdem wirklich gut. Er sehe da kein Problem.

Aber er versteht nicht. Es geht mir doch gar nicht um Erfolg oder eine gute Note. Es ist einfach unerträglich, dass der Text so dasteht, ohne einen richtigen Schluss. Er endet mit drei Punkten ...


(Anmerkung: "Reinhard" heißt eigentlich anders.)

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