Überfall

Gestern gab es in meinem Stamm-Supermarkt, wo ich mindestens einmal wöchentlich einkaufe, einen Überfall. Ich muss gestehen, ich bin immer noch leicht schockiert. Glücklicherweise kam ich ein paar Minuten "zu spät", um das Ereignis live mitzukriegen.

Es war etwa 16:15. Bei uns in Österreich schließen die Geschäfte samstags um 17 Uhr, also schon relativ knapp. Ich brauchte ja auch nur ein paar Kleinigkeiten.

Eben hatte ich nebenan im Drogerie-Supermarkt Hundefutter gekauft, nun wollte ich noch ein wenig Futter für mich selbst und auch was zu trinken. Die Einkaufswagerln stehen draußen. Ich hörte ein Geräusch, das sich für mich anhörte wie wenn jemand Schleim hochzieht, um ihn auszuspucken. Ekelhaft, dachte ich. Kann der Kerl das nicht zuhause am Klo ...

Im Eingang des Geschäfts stand ein junges Mädchen und sagte zu irgendwem, den ich nicht sah: Nein, geh nicht rein.
Drinnen war irgendein komischer Menschenauflauf, ich kapierte nicht was los war. Eigentlich wollte ich einfach meine paar Sachen kaufen - zwei oder drei Semmeln, vielleicht etwas Schinken, ein paar Getränke. Ich war mit meinem Einkaufswagen schon durch die Sperre, als ich mitkriegte, dass da irgendwas passiert sein musste.

Eine Kassiererin lag röchelnd und hustend auf dem Boden, eine andere hockte in den Armen einer Frau (Kundin?) auf ihren Stuhl gestützt, der meterweit von ihrer Kasse entfernt war, und rührte sich nicht. An einer Kasse standen die Kunden noch Schlange, vorn lag ein Haufen Geldscheine.

Ich weiß nicht, warum es bei mir immer noch nicht "klick" machte. Vielleicht war ich zu müde. Vielleicht konnte ich es mir auch einfach nicht vorstellen, dass sowas passiert.

Jemand rief, man müsse die Rettung rufen. Jemand anderer - ich glaube, es war die Filialleiterin - sagte, die Polizei sei schon unterwegs. Die Frau, die der röchelnden und hustenden Kassiererin zur Seite stand, bat (erstaunlich höflich), ob nicht etwa einige der Herren (es standen etliche herum) ihr helfen könnten, die Dame an die frische Luft zu bringen, was dann auch geschah.

Die Frau, die die andere Kassiererin stützte, rief mehrmals nach Wasser, niemand reagierte, dann sagte sie: Dann soll doch bitte mal jemand eine Mineralwasserflasche aufmachen, ich brauche Wasser, um ihr die Hände zu waschen.

Bis dahin war ich erschrocken und wie gelähmt dagestanden, ich kapierte nicht was los war, überlegte, ob ich helfen könnte und wie... ich stand neben dem Regal mit dem Mineralwasser und griff danach, aber da war dann eh schon einer der "Herren" da und holte eine Flasche.

Nachher sagte sie noch: Bitte noch eine Flasche, damit sie auch was zu trinken hat. Wieder war wer anderer schneller.

Ich ging dann halb in Trance mit meinem leeren Einkaufswagen rundherum. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich u.a. den Gedanken hatte: Hoffentlich hat noch wo anders was offen.

Als ich rundherum war und wieder im Kassenbereich angelangt war, war dann auch schon die Polizei da und ließ das Geschäft räumen. Da hörte ich es erstmals: Es hat einen Überfall gegeben. Bitte verlassen Sie das Geschäft. Lassen Sie alles hier.
Ich fragte noch dämlich den Polizisten: Bitte kann ich den Einkaufswagen mit rausnehmen. (Der war leer. Ich wollte meinen Euro wiederhaben.) Er sagte, ja, klar. Ich ging raus und sah noch, dass die ganz junge Kassiererin total erstarrt war, wahrscheinlich unter Schock, und ein Papiertaschentuch oder sowas auf ihre Hand gedrückt war.

Es war noch genug Zeit, ich kaufte woanders ein.

Die Bilder lassen mich nicht los. Diese zwei Frauen, die eine hustend und spuckend, die andere so still ... ich kenne beide. Ich kaufe oft dort ein.

Mir macht das Angst. Meine Hilflosigkeit macht mir Angst. Mehr noch meine Gleichgültigkeit. Wie konnte ich angesichts einer offensichtlichen Katastrophe an den Wochenendeinkauf denken?

schmollfisch - 08.10.2007 08:56

Ich habe mal gelesen,

das sei eine spezifisch weibliche Eigenschaft. Ein Mann hätte vielleicht anders reagiert. Frauen sind so gestrickt, dass sie auch bei den außergewöhnlichsten Ereignissen in erster Linie daran denken, dass das alltägliche Leben weitergehen muss.
Und das ist auch richtig so. Sonst würde ja bei all den Scheußlichkeiten, die wir tagtäglich serviert bekommen, kein Mensch mehr daran denken, hin und wieder mal die Suppe umzurühren.
Abgeklärten Gruß!
AmarettazuBlaue - 08.10.2007 09:32

Huhu Mel

das sehe ich ähnlich wie schmollfisch.Da ja auch schon alles geregelt war, durch Polizei usw., wolltest du wahrscheinlich möglichst schnell ins "normale" Leben zurück.Sehr verständlich :), Eigenschutz!
Lieben Gruß von Amaretta
virago - 08.10.2007 17:51

Hallo ihr beiden,

danke für den abgeklärten Trost :).

Stimmt, schmollfisch: Ein Mann hätte wohl so reagiert, dass er nach dem aufregenden Erlebnis sofort und unverrichteter Dinge heimgekehrt wäre, um - z.B. - seiner Ehefrau davon zu berichten. Ihre Frage "Schatz, du hast doch nicht etwa auf das Huhn vergessen?" hätte er vermutlich für sehr lieblos und banal gehalten ...
nur mal so (anonym) - 08.10.2007 20:05

quatsch
virago - 08.10.2007 20:11

"Nurmalso":

Danke für deinen geistreichen Beitrag.

/edit: Kriegst auch ein :)
schreiben wie atmen - 18.10.2007 14:35

Nomen est omen....

Was wird bei "nur mal so" schon rauskommen? Tut doch nix, will doch bloss spielen? Na, danke für Phrasentennis.
virago - 18.10.2007 15:10

Stimmt, er wollte bloß spielen. Ich ärgerte mich erst über den dämlichen Komm. eines scheinbar Fremden, inzwischen weiß ich aber, wer das war ;). Hab's wohl verdient, lach. Ich hab ihn auch schon mal anonym geärgert.
schreiben wie atmen - 18.10.2007 14:37

So ist das.

Es lehrt uns, uns immer wieder an der eigenen Nase zu fassen wenn es darum geht, ob man in dieser oder jener Situation nicht viel besser reagiert hätte. Hätte man???
Danke für Deinen Text Virago.

Angela
virago - 18.10.2007 15:06

Hallo Angela,

danke für deinen Kommentar.

Ja, im Nachhinein weiß man's oft besser ...
In diesem Fall war's ja nicht so schlimm, ich hätte eh nichts tun können. Ich frage mich bloß: Wäre ich geistegegenwärtig genug, das Richtige zu tun, wenn's drauf ankommt?

Inwischen weiß ich: Die Täter verwendeten Pfefferspray. Eine der beiden Frauen hat ihn direkt eingeatmet. Sie war eine Woche im Krankenstand, jetzt geht es ihr wieder gut, aber sie hustet noch immer. Die Junge hat gekündigt.


LG virago
bonanzaMARGOT - 18.10.2007 15:26

diese angst

das richtige zu tun bzw. das falsche, kenne ich durch meine arbeit im pflegeheim zu gut. jeden abend, wenn ich den nachtdienst antrete, wünsche ich mir, dass es zu keinem notfall kommt. wir haben oft menschen mit atemnot oder herzanfällen. es ist nicht immer einfach, die symptome (gerade bei dementen) richtig einzuschätzen ... .
auch haben wir viele stürze mit kopfverletzungen. stelle dir einfach vor, du kommst in ein bewohnerzimmer, und eine frau liegt in ihrem blut und ihren ausscheidungen. oder du kommst zu einem krampfanfall. oder ein bewohner hat einen asthmaanfall.

ich weiß nicht, ob ich immer richtig reagiere. ich habe immer angst, das falsche zu machen. es kann um leben und tod gehen.

bon.
virago - 18.10.2007 16:40

Schon schlimm genug, zu wissen, dass rasche und richtige Erste Hilfe darüber entscheiden kann, ob jemand bleibende Schäden davonträgt oder nicht, selbst wenn es nicht unbedingt um Leben und Tod geht.

Bestimmt kennst du ja auch das Gefühl, froh zu sein, dass ein Notfall dann passiert, wenn du gerade keinen Dienst hast ...
bonanzaMARGOT - 18.10.2007 16:49

virago,

ich bin über keinen notfall froh, denn ich weiß, was meine kollegen/kolleginnen durchmachen.
klar, ich bin froh, wenn man das so sagen kann, dass es nicht mich erwischte.

die verantwortung über menschenleben ist eine große last.
alle anderen beruflichen schwierigkeiten erscheinen dem gegenüber zwergenhaft.

oft frage ich mich, was eine gesellschaft erwartet, wenn sie verantwortungsvolle tätigkeiten zwergenhaft entlohnt/würdigt.

...
virago - 18.10.2007 17:10

Diese Verantwortung

dürfte den meisten Menschen kaum bewusst sein. Dass Ärzte für Menschenleben verantwortlich sind, weiß jeder ...

Mit "froh" meinte ich eben das: Gott sei Dank, es hat mich nicht selber erwischt. Vermutlich verbunden mit leisem Schamgefühl gegenüber den Kollegen. Ich schämte mich auch dafür, dass ich froh darüber war, nicht ein paar Minuten früher in den Supermarkt gekommen zu sein.
bonanzaMARGOT - 18.10.2007 17:12

demgegenüber:

welche verantwortung trägt ein tennisstar, wenn er den schläger schwingt?
bonanzaMARGOT - 18.10.2007 17:14

von wegen

nicht bewußt - klar, solange uns kein fehler unterläuft. aber wenn wir einen fehler machen, dann zieht uns die feine gesellschaft vor`s gericht und macht uns nieder!!
bonanzaMARGOT - 18.10.2007 17:17

a propos supermarkt,

es ist immer irgendwie peinlich, wenn man an den ort eines desasters kommt und dort unfreiwillig voyeur ist.
virago - 18.10.2007 17:47

Unfreiwilliger Voyeur

Genau. Das trifft es perfekt.

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