Texte zum Tag

Durchgangsposten

Solche wie M. sind Durchgangsposten, sagt S. Sie wird es wissen. Bestimmt stimmt es. Und doch ...

Zu viel emotionale Energie investiert, wie immer. Mit meiner Verschwendungssucht an Energie werd ich’s nie weit bringen. Unrationell, würde mein Vater sagen. Ich hasste dieses Wort. Immer. Und wie ich es hasste.

Durchgangsposten.
So als könnte man Menschen auffädeln. Säuberlich. Wie Perlen auf einer Kette, eine nach der anderen, und unten rutschen sie weg, weil der Knoten fehlt.
Ich weiß nicht, warum ich das jetzt denke, aber ich denke es, und der Gedanke stört mich.


[überarbeitete Fassung des ursprünglich gestern eingestellten Posts]

Überfall

Gestern gab es in meinem Stamm-Supermarkt, wo ich mindestens einmal wöchentlich einkaufe, einen Überfall. Ich muss gestehen, ich bin immer noch leicht schockiert. Glücklicherweise kam ich ein paar Minuten "zu spät", um das Ereignis live mitzukriegen.

Es war etwa 16:15. Bei uns in Österreich schließen die Geschäfte samstags um 17 Uhr, also schon relativ knapp. Ich brauchte ja auch nur ein paar Kleinigkeiten.

Eben hatte ich nebenan im Drogerie-Supermarkt Hundefutter gekauft, nun wollte ich noch ein wenig Futter für mich selbst und auch was zu trinken. Die Einkaufswagerln stehen draußen. Ich hörte ein Geräusch, das sich für mich anhörte wie wenn jemand Schleim hochzieht, um ihn auszuspucken. Ekelhaft, dachte ich. Kann der Kerl das nicht zuhause am Klo ...

Im Eingang des Geschäfts stand ein junges Mädchen und sagte zu irgendwem, den ich nicht sah: Nein, geh nicht rein.
Drinnen war irgendein komischer Menschenauflauf, ich kapierte nicht was los war. Eigentlich wollte ich einfach meine paar Sachen kaufen - zwei oder drei Semmeln, vielleicht etwas Schinken, ein paar Getränke. Ich war mit meinem Einkaufswagen schon durch die Sperre, als ich mitkriegte, dass da irgendwas passiert sein musste.

Eine Kassiererin lag röchelnd und hustend auf dem Boden, eine andere hockte in den Armen einer Frau (Kundin?) auf ihren Stuhl gestützt, der meterweit von ihrer Kasse entfernt war, und rührte sich nicht. An einer Kasse standen die Kunden noch Schlange, vorn lag ein Haufen Geldscheine.

Ich weiß nicht, warum es bei mir immer noch nicht "klick" machte. Vielleicht war ich zu müde. Vielleicht konnte ich es mir auch einfach nicht vorstellen, dass sowas passiert.

Jemand rief, man müsse die Rettung rufen. Jemand anderer - ich glaube, es war die Filialleiterin - sagte, die Polizei sei schon unterwegs. Die Frau, die der röchelnden und hustenden Kassiererin zur Seite stand, bat (erstaunlich höflich), ob nicht etwa einige der Herren (es standen etliche herum) ihr helfen könnten, die Dame an die frische Luft zu bringen, was dann auch geschah.

Die Frau, die die andere Kassiererin stützte, rief mehrmals nach Wasser, niemand reagierte, dann sagte sie: Dann soll doch bitte mal jemand eine Mineralwasserflasche aufmachen, ich brauche Wasser, um ihr die Hände zu waschen.

Bis dahin war ich erschrocken und wie gelähmt dagestanden, ich kapierte nicht was los war, überlegte, ob ich helfen könnte und wie... ich stand neben dem Regal mit dem Mineralwasser und griff danach, aber da war dann eh schon einer der "Herren" da und holte eine Flasche.

Nachher sagte sie noch: Bitte noch eine Flasche, damit sie auch was zu trinken hat. Wieder war wer anderer schneller.

Ich ging dann halb in Trance mit meinem leeren Einkaufswagen rundherum. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich u.a. den Gedanken hatte: Hoffentlich hat noch wo anders was offen.

Als ich rundherum war und wieder im Kassenbereich angelangt war, war dann auch schon die Polizei da und ließ das Geschäft räumen. Da hörte ich es erstmals: Es hat einen Überfall gegeben. Bitte verlassen Sie das Geschäft. Lassen Sie alles hier.
Ich fragte noch dämlich den Polizisten: Bitte kann ich den Einkaufswagen mit rausnehmen. (Der war leer. Ich wollte meinen Euro wiederhaben.) Er sagte, ja, klar. Ich ging raus und sah noch, dass die ganz junge Kassiererin total erstarrt war, wahrscheinlich unter Schock, und ein Papiertaschentuch oder sowas auf ihre Hand gedrückt war.

Es war noch genug Zeit, ich kaufte woanders ein.

Die Bilder lassen mich nicht los. Diese zwei Frauen, die eine hustend und spuckend, die andere so still ... ich kenne beide. Ich kaufe oft dort ein.

Mir macht das Angst. Meine Hilflosigkeit macht mir Angst. Mehr noch meine Gleichgültigkeit. Wie konnte ich angesichts einer offensichtlichen Katastrophe an den Wochenendeinkauf denken?

Sputnik

Heute lese ich zufällig, dass „Sputnik“ seinen 50. Geburtstag feiert. Meine Mutter, die heute ihren 66. Geburtstag feiern würde, hatte als Mädchen im Sportverein den Spitznamen „Sputnik“. Sie sagte: Wegen ihrer lustig abstehenden Zöpfe, die sie beim Sport (Leichtathletik und Handball) aus praktischen Gründen trug.
Ich frage mich, ob sie je wusste, dass Sputnik an ihrem 16. Geburtstag „geboren“ wurde.

Epitaph

Heute wäre mein Vater 80.
2.10.1927-3.2.2001

Ich wollte, mir fiele ein Gedicht ein, um ihn zu würdigen.
Es fällt nicht.

Er ging in Frieden.

Zitat des Augenblicks ;-)

» virago, passt genau auf dich, so wie du dein kleines herrscherchen sofort heldenhaft beschützt, oh meerheldenjungfrau! bedauernswert finden es manche menschen wenn eine frau mit allen mitteln "gerne" ein mann wäre, weil jene meinen, dass diese person selbst wohl am schwersten mit dieser - nicht immer freiwillig - gewählten rolle zurecht käme. ich verspüre mit solchen menschen kein mitgefühl ... «

(ralf de pennét aka rmdp, 9.12.05)

Kurzschluss

Vor ein paar Tagen war hier Sturm. Eine Straßenlampe explodierte, jedenfalls sah es so aus. Im selben Moment wurden ganze Straßenzüge finster. Die Straßenbeleuchtung im ganzen Viertel fiel aus. Wegen einer Lampe. Einer von Hunderten.

Wie es scheint, ist das bei Menschen auch nicht viel anders. Eine einzige „kaputte Lampe“ kann die ganze Gemeinschaft zerstören und Kurzschlüsse in Serie produzieren. Erschreckend.

ein text

(für laïsmond)


an einem lupenmorgen
ohne sorgen
ward ein text geborgen

in der nacht
ward er gemacht
es war fast acht

voller brunst
war die kunst
doch umsunst

nur etwelche stunden
nachdem er entbunden
ward schon er geschunden

in der strengen kammer
das war der hammer
welch ein gejammer

unbesehen
war es geschehen
lass mich jetzt gehen

in ein paar tagen
kannst du’s wieder vertragen


so passen sie doch
bisserl auf, herr meier
sonst stolpern sie noch
über ihre
sehr
verehrungs-
würdigen
eier



Jack O'Lantern

Ein kleiner orangefarbener Kürbis ziert seit heute meinen Schreibtisch.
Er macht sich gut in Gesellschaft zweier Kastanien.
Vermutlich wird er den Weg allen Kürbisfleisches gehen
und letztendlich auf dem Kürbisfriedhof landen.
Das ist schade, aber ich kann doch nicht seinetwegen
in einem Kühlschrank leben.


Kürbis



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bonanzaMARGOT - 06.05.08 16:37
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Der Ohrenschützer (anonym) - 23.04.08 14:38
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Der Ohrenschützer (anonym) - 23.04.08 13:12

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